Tschüss Lesbos

Wieder einmal können wir hier einen Erlebnisbericht von unserer Volunteerin Katharina veröffentlichen. Wir danken dir ganz fest für deinen Einsatz Katharina!

«Nach einer Nacht in Mytilini fuhren wir vier Kune-Volunteers los. Unser Ziel: Skala Sykaminea. Dieser malerische Ort war vor allem 2015 in den Schlagzeilen, als dort pro Tag oft über 50 Boote ankamen, jedes einzelne über voll mit Menschen. Von der Türkei aus überqueren diese die knapp 4 km des Ägäischen Meers und haben ihr Ziel stets vor Augen: Europa. Auch heute noch kommen regelmässig Gummiboote an. Mehrere NGOs unterstützen die Ankunft der Flüchtenden vor Ort tatkräftig und da auch unsere Hilfe benötigt wurde, machten wir uns auf den Weg.

Wir arbeiteten mit der griechischen NGO Lifeguard Hellas zusammen, die vor Ort von Omar koordiniert wird. Omar flüchtete selbst aus Syrien nach Griechenland, indem er 14 Stunden lang schwamm und dabei noch zwei weitere Personen mitzog. Er beschloss nach seiner Ankunft den Flüchtenden zu helfen und ist inzwischen qualifizierter Lifeguard. Nach einem Begrüssungstee machten wir uns auf den Weg, um die kleine Ortschaft zu erkunden. Doch weit kamen wir nicht: Omar kam mit seinem Auto angerast und rief nur: «We have a boat!». Also nichts wie los zum Hafen. Während das Boot von zwei Rettungsbooten, die ebenfalls von zwei NGOs geleitet werden, in den kleinen Hafen begleitet wurde, bekamen wir einen Crashkurs im «Booteempfangen». Dass wir direkt loslegen müssen, konnte niemand im Voraus wissen. Die Boote kommen zu jeder Tages- und Nachtzeit an. Und schon waren wir mittendrin im Geschehen. Auf das Gummiboot hatten sich 50 bis 60 Leute gedrängt. Trotz Sonnenschein waren die meisten stark unterkühlt; schliesslich hatten sie mehrere Stunden durchnässt im starken Wind auf dem Wasser verbracht. Also mussten als erstes Notfalldecken verteilt und unter die Kleidung geschoben werden, um die Körper wieder aufzuwärmen. Ausserdem wurden Handwärmer, Wasser und Kekse verteilt, während die lokale Polizei eine erste Bestandsaufnahme machte. Anstatt der von mir erwarteten Syrer, waren die meisten Neuankömmlinge Afrikaner aus dem Kongo, Kamerun und Eritrea. Einige Personen mussten direkt von den Ärzten vor Ort betreut werden, viele standen unter Schock. Nachdem das Okay von der Polizei kam, konnten wir endlich alle in das erste Camp bringen, genannt Stage 2. Im beheizten Zelt bekommen dort alle etwas zu Trinken, zu Essen und – ganz wichtig – trockene Kleider. Ausserdem kümmern sich die Ärzte um die Flüchtenden und entscheiden, ob eventuell jemand direkt in eine Klinik gefahren werden muss. Die meisten Fälle waren jedoch Schock und Unterkühlung. Ein Mann kam mit sehr starken Erfrierungen an, die er sich bei seiner Odysee vom Iran in die Türkei zuzog. Inzwischen wissen wir, dass zum Glück alle seine Finger gerettet werden konnten. Sobald alle Leute versorgt waren, wurden sie in mit einem grossen Bus ins grosse Camp Moria bei Mytilini gefahren und unser Job war nach einigen Aufräumarbeiten getan.

So werden die angekommenen Personen als erstes versorgt, bevor sie...

So werden die angekommenen Personen als erstes versorgt, bevor sie...

... in die beheizten Zelte gebracht werden.

... in die beheizten Zelte gebracht werden.

Nach diesem rasanten Anfang hatten wir dann auch Zeit, die anderen Freiwilligen und den Ort etwas besser kennenzulernen und mehr über unsere Aufgaben zu erfahren. Jede Nacht würden wir während vier Stunden mit Hilfe von Nachtsichtgerät und Fernglas das Meer zwischen Lesbos und der Türkei nach ankommenden Booten absuchen. Im Falle eines gesichteten Bootes werden dann die NGOs informiert, die sofort mit den Rettungsbooten aufs Meer fahren, um die Situation zu evaluieren und den Booten bei der Landung helfen. Es ist extrem wichtig, dass die Boote so schnell wie möglich entdeckt werden, da sie sonst eventuell an sehr schwierigen Stellen landen, was das Risiko zu Kentern steigen lässt. Oder aber sie treiben noch lange herum, was wiederum zur starken Unterkühlung der Flüchtenden führt. Um schnell reagieren zu können, sind alle NGOs vor Ort stark vernetzt. Für unsere Nachtschichten fuhren wir jeweils an einen stark exponierten Punkt, von dem man einen guten Blick über die Meerenge hat. Dementsprechend kalt war der Wind und mit jeder Nacht zog ich mir eine Kleiderschicht mehr an.

Von hier aus suchten wir das Meer nach Booten ab

Von hier aus suchten wir das Meer nach Booten ab

Tagsüber erholten wir uns von unserer Nachtschicht und je nach Bedarf halfen wir anderen NGOs bei diversen Arbeiten, wie zum Beispiel beim Aufräumen der Strände. Wenn ein Boot landet, bleiben oft viele Schwimmwesten, Müll, Kleider oder sogar ganze Boote zurück. Vor allem vom Höhepunkt der Ankünfte in 2015 sind noch viele Orte vermüllt. Nach und nach wird versucht, alles aufzuräumen. Trotzdem bleiben viele Boote wie Mahnmale am Strand liegen. Es gibt auch einen Bootsfriedhof und direkt daneben den Friedhof der Schwimmwesten, «the lifevest graveyard». Etwa 200.000 Schwimmwesten wurden dort abgeladen, allesamt von Menschen, die seit 2015 mit dem Boot an der Nordküste Lesbos ankamen. Die meisten dieser Schwimmwesten sind «fake» und könnten im Notfall niemanden retten, sind sie doch nur mit etwas Plastik gefüllt. Alle Schwimmwesten der heutzutage Ankommenden werden von Freiwilligen ge-upcyclet und in Taschen verwandelt, deren Erlös wieder den Flüchtenden zugutekommt.

The lifevest graveyard...

The lifevest graveyard...

Während meiner zwei Wochen in Skala kamen drei Boote an, was relativ wenig ist. Ob und wann es wieder mehr sein werden, weiss niemand so genau. Klar ist, dass es so schnell nicht aufhören wird. Deshalb sind alle vor Ort allzeit bereit, um ihre Hilfe anzubieten, wenn es nötig ist. Auch die lokale Bevölkerung, die während der Zeit, in der teils 1000 Flüchtlinge pro Tag ankamen und es zu mehreren Seenotfällen kam, stets ihr Bestes gab, unterstützt die NGOs massgeblich (vgl Video unten). Wir sollten uns ein Beispiel daran nehmen und dann die Initiative ergreifen, wenn es nötig ist. Egal, ob anderswo oder bei uns in der Schweiz.».

 

Genau das werden wir weiterhin tun. Allerdings etwas anders als bisher. Wir möchten euch darüber informieren, dass die Zeit mit Kune Aid in Lesbos vorerst zu Ende gegangen ist. Die momentane Situation in Lesbos hat es uns nicht erlaubt, noch länger auf der Insel zu bleiben. Mit dem neuen Transporter konnten wir eine grosse Ladung Kleider für das „Stage 2“ liefern.  In diesem Camp erhalten die frisch Angekommenen eine kurze bleibe bevor sie in das grosse Camp gebracht werden (vgl. Bericht Katharina oben).
Der Transporter wird aber keine Sekunde ungenutzt bleiben. Er konnte nahtlos an REFY, eine Schweizer Flüchtlingshilfsorganisation, übergeben werden. Er ist also voll im Einsatz und wird dort gebraucht wo es am nötigsten ist. Wir danken allen Leuten, die uns in dieser Zeit in Lesbos unterstützt haben und freuen uns auf die neuen Herausforderungen mit unseren neuen Projekten. Das wichtigste im Moment ist KUNE rennt, ein Projekt mit Asylsuchenden der NUK Brünnen in Bern. Im Blogeintrag vom 24. Februar kann der Start dieses Projekts nachgelesen werden und auch die nächsten Einträge werden über das Vorankommen dieses Projekts berichten.