Nachtrag - Zweiter Einsatz in Piräus!

Der letzte Tag in Athen war ein ziemliches Wechselbad der Gefühle. Wir wussten, dass wir an diesem Tag nicht mehr gross hilfreich sein würden, da wir am Mittag das Camp verlassen mussten, damit wir es auf die Fähre schafften. Ursprünglich wollten wir die Scheinwerfer, welche uns von der Organisation SAO beim ersten Einsatz zur Verfügung gestellt wurden, installieren. Zugegebenermassen war die Verwunderung nicht allzu gross, als sich herausstellte, dass diese Scheinwerfer verschwunden waren. Da wir nicht mehr aktiv in ein Projekt involviert waren, blieb uns Zeit, das Treiben zu beobachten. In der Regel ist man den Tag durch derart beschäftigt, dass einem wenig Zeit bleibt, auf das Geschehen zu achten. Was auf den ersten Blick so aussieht wie man sich ein Flüchtlingscamp eben vorstellt, ist eigentlich viel mehr. Schaut man einer Gruppe von Kindern zu, welche am Spielen sind, wird man an die eigene Kindheit erinnert, als man am Abend auf der Strasse mit allen anderen Kindern spielte: Räuber und Poli, ein Fussballturnier oder Verstecken. Man lachte, stritt, man versöhnte sich und lachte weiter. Im Camp ist das genau so. Das Strahlen der Kinderaugen, wenn man ihnen einen Ball zum spielen gibt, ist einfach unbeschreiblich. Eine Ecke weiter stehen die Mütter und plaudern angeregt. Vielleicht lästern sie über die Nachbarn oder prahlen, was ihr Kind schon alles kann, wie das bei uns halt auch ist. Irgendwo helfen einige Männer Früchte und Wasser in einen Kühlcontainer zu laden. Man kann ihnen ansehen, dass sie es richtig schätzen, gebraucht zu werden. Ich erinnere mich an einen jungen Syrer, der uns geholfen hat die Wasserstation zu bauen. Er konnte Nägel mit einem Hammerschlag im Brett versenken. Auf unsere bewundernden Blicke folgte sein scheues und doch stolzes Grinsen. Er erzählte uns, dass er Schreiner war und sogar eine Moschee aufbauen durfte. 
Der Container war inzwischen voll und die Männer verschwanden in alle Richtungen. Irgendwo kam es zu einer kleineren Auseinandersetzung. Sofort eilten unzählige Menschen hinzu. Es wurde laut diskutiert. Wie wir erfuhren, hatte ein älterer Mann einer Familie ein Absperrelement «geklaut», welches sie zur Befestigung ihres Zeltes benötigten. 
Die Zeit verging und um 12:00 Uhr wurde das Essen geliefert. Das Essen ist für die Volunteers zum grössten Sorgenkind geworden, da das Militär nicht mehr genügend Portionen liefert. Jede Mahlzeit wird so zum Nervenkitzel. Denn wenn zu wenig Essen vorhanden ist, kann man aus Fairness entweder nichts verteilen oder man muss es in kleinere Portionen aufteilen, was bei 1500 Portionen einen unverhältnismässig grossen Aufwand bedeutet.
Seit einigen Wochen wurden die Essensverteilungen von Flüchtenden durchgeführt. Da so keine Sprachbarriere vorhanden ist, können viele Missverständnisse verhindert werden. Das neue System hat sich in allen Aspekten bewährt. 
Nach dem Mittagessen blieb uns noch Zeit für ein kurzes Gespräch mit Sarra Kerbane, einer Volunteerin im Camp. Sie hatte in der letzten Nacht nur zwei Stunden geschlafen, da sie mit einer kranken Frau ins Spital musste. Wie bei vielen der Volunteers schwinden auch bei Sarra die Kräfte. Die körperlich und mental anstrengende Arbeit braucht viel Energie. Sarra und Renata (ihre Freundin, auch aus Tschechien) wohnen nicht in einem Hotel, sondern sie schlafen seit Anfang April im Stonewarehouse. In eben diesem dunklen und kalten Raum, in dem schon das Arbeiten eine Hölle ist. Sie begnügen sich mit einer dünnen Matte und einem alten Schlafsack.  Unvorstellbar.

Hafenidylle in Piräus! 

Hafenidylle in Piräus! 

Langsam war es für uns an der Zeit, das Camp zu verlassen. Auf dem Weg zum Auto kreuzten wir eine Gruppe von Menschen, welche zu Trommelmusik am Tanzen waren. Wieder erinnerte mich die Situation an eine alltägliche Situation bei uns. Es war wie in einem Quartier. Ein Quartier mit ganz unterschiedlichen Menschen: Kinder, Junge und Alte, Frauen und Männer, Sympatische und Unsympatische, Langweiler und Revolutionäre, Hilfsbereite und Egoisten. Es sind so viele unterschiedliche Menschen und doch funktioniert es. Zusammen gibt es den richtigen Mix. Hoffnung und ein positives Gefühl für die Zukunft machte sich in mir breit und ich war bereit, wieder nach Hause zu kommen.

Die Brücke von Patras verbindet das Festland mit dem Peloponnes!

Die Brücke von Patras verbindet das Festland mit dem Peloponnes!