Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

Schnellen Schrittes überqueren wir die Strasse. Der kontrollierende Griff, ob die Jacke auch wirklich zu ist, ist bereits automatisiert. Der kalte und bissige Wind fegt uns ins Gesicht und wir sind versucht, das nächste warme Haus zu betreten. Im Hintergrund schäppert die griechische Version von Jingle Bells aus einem Lautsprecher, was wohl eine weihnachtliche Stimmung in die Gassen bringen sollte. Links steht ein geschmückter Weihnachtsbaum und in allen Schaufenstern blinkt es in grellen Farben.

Kälte in Griechenland

Kälte in Griechenland

Wir steigen in den gelben Van und der Motor heult auf. Trotz der eisigen Kälte springt der Motor ohne Probleme an und wir drehen die Heizung auf. Die Fahrt geht zum Warenhaus "Attika", in welchem im letzten Sommer unzählige Liter Schweiss flossen. Jetzt - nicht einmal ein halbes Jahr später - hat es Eisrosen an den Plexiglasscheiben und das Schlüsselloch ist zugefroren. Ein dick eingepackter Grieche drückt uns Kisten in die Hand. Sie sollen nach Kara Tepe; eine Lieferung für eine junge Familie. Noch ist uns die Wichtigkeit dieser Decken nicht bewusst. 

Die Stimmung ist gedrückt. Nicht nur wegen der beissenden Kälte, welche an nordische Gefilde erinnern. Nach zwei Stunden auf Lesbos wissen wir noch nicht, unter welchen Bedingungen hier jeden Tag gearbeitet und gelebt wird. Wir fragen, wie wir helfen können und was am dringendsten benötigt wird. «Alles! Hauptsächlich Geld!» Die Kassen sind leer, die Rechnungen unbezahlt und der Winter dauert noch lange. Täglich kommen neue Menschen an der Küste an. Im Moment sind mehr als 6000 Flüchtende auf Lesbos. Im ehemaligen Gefängnis von Moria alleine wohnen 4500 Menschen. obwohl der Platz eigentlich nur für 2500Menschen ausreichen würde. Vor einigen Wochen starb eine Mutter mit ihren beiden Kindern beim Versuch mit einem Feuer sich im Zelt zu wärmen. Die Gedanken irgendwo kreisend verbrennen wir alte Europaletten, welche aus den Lagern kommen. Sie sind durchweicht, mit Schimmel befallen und sie stinken. Die Wärme ist trotz des beissenden Rauches wohltuend. Gemeinsam komplettieren wir auch die Kisten, welche noch geliefert werden müssen.

Alte Paletten werden verbrannt.

Alte Paletten werden verbrannt.

Der nächste Tag führt uns an die Nordküste von Lesbos, wo die meisten Boote ankommen. Zwischen uns und der türkischen Küste liegen knapp 15km. Molivos, ein malerisches Dörfchen an der Küste, ist Ausgangspunkt vieler Rettungsaktionen. Immer wieder sehen wir Schwimmwesten die   als Überbleibsel tragischer Überfahrten oder als Markierungspunkt für ankommende Boote am Strand herumliegen. Einmal fallen uns Menschen auf welche hektisch umherlaufen. Ein orthodoxer Priester kommt mit einem Fernglas vom Strand zur Strasse. Wenige Sekunden später überholt er uns mit hohen Tempo auf seinem Motorrad. Nach einigen Kilometern erreichen wir ein kleines Dörfchen. Menschen stehen in Überlebensanzügen neben einer Kapelle. Wir entdecken auch den Priester in der Menge wieder. Mit einem Funkgerät werden Frachtschiffe in der Gegend gebeten, nach Booten Ausschau zu halten. Die Situation wirkt unwirklich. Am Abend im Damas, ein Restaurant wird das Erlebte verarbeitet. Es gibt nur ein einziges Thema. Wann, Wo und Wie können wir am besten behilflich sein? Das sind die Fragen, welche dominieren und entscheiden, was in den nächsten Tagen passieren soll. In den nächsten Tagen sollte das Wetter stabil bleiben. Die Temperaturen bleiben tief, in der Nacht um den Gefrierpunkt. Die Vorbereitungen für Weihnachten laufen. Ziel ist es, den 6000 Menschen ein warmes Essen zubereiten zu können. 

Das Meer bei Molivos.

Das Meer bei Molivos.

 

Was hier passiert passt nicht in die uns bekannten Weihnachtsgeschichten. Trotzdem ist es nicht nur die Geschichte der Menschen hier auf der Flucht. Es ist auch unsere Weihnachtsgeschichte. Sie handelt zwar von vollen Unterkünften, von Menschen, welche ihre Heimat verlassen müssen, von kalten Nächten, Hunger und Durst, aber auch von Wärme und von Unterstützung, Gemeinsamkeit und Liebe.

Auch wenn ihr nicht an Weihnachtsgeschichten glaubt, so können wir doch alle ein bisschen Wärme und Licht in die das Leben vieler Menschen bringen. Die Menschen die wir hier treffen, sind darauf angewiesen.

In diesem Sinne wünschen wir euch besinnliche Tage, viel Wärme, Liebe und Licht. Und ein paar Gedanken auch an diese Menschen, welche davon nichts spüren.